Prolog

Prolog

(Episteme)
Was ist Wirklichkeit?
Bevor etwas wirklich wird, wird es gedacht. Denken erschafft und formt die Welt. Gedanken benötigen aber Substanz; das sind mehrheitlich Vorannahmen, Strukturen, die wir als bestätigt ansehen. Die Philosophie nennt das Episteme, gesichertes Wissen, das dem Denken zugrunde liegt und es ermöglicht. Diese Grundannahmen strukturieren das Denken, die Welt wird im Denken angelegt, geprägt durch Episteme. Diese funktionieren aber wie die Natur. Sie haben einen Rhythmus, sie schaffen sich neu. Sie brauchen zur Kultivierung bestimmte Bedingungen. Sie werden erneut anerkannt, umgestürzt, verwandelt und auch vergessen. Wie ein neues Lebewesen die Epigenetik seiner Vorfahren weiterführt, geht es zuerst davon aus, dass die Bedingungen gleich bleiben. Neues Leben ist zunächst kein Anfang, sondern eine Gesamtschau alles Gewesenen. Mehr Ende als Anfang. Die bestmögliche Ausrichtung ist bereits vererbt worden. Faktisch ist das zu diesem Zeitpunkt die beste Welt, die erlebt werden kann. Alle Gefühle, alle Sinneseindrücke, die persönlichen Erfolge und die gelebten Beziehungen sind zusammengefasst. Auch das erfahrene Leid, das Scheitern und die Traurigkeit. Ein anstößiges Lachen. Die reinigenden Tränen. Es sind Gepflogenheiten, Veranlagungen, Bräuche. Alles das wird weitergegeben und ist die erste Welt, die wir wahrnehmen. Es ist die erste Wirklichkeit, die wahr ist, der erste Kosmos, der uns zur Verfügung steht, um zu denken und die erste Realität, die ich erfahre.
Die Wirklichkeit bleibt aber nicht stehen. Sie wird weiter gelebt. Es folgt eine neue Weiterentwicklung. Auch diese wird weitergegeben. Kurzum: Die Wirklichkeit, die wir für uns selbst erschaffen, ist geprägt. Sie ist gestaltet von dem Wissen und den Erkenntnissen unserer Vorfahren. Sie wurde bereits gelebt. Beweint. Verlacht. Sie ist unfrei. An der Unfreiheit meiner ersten Welt kann ich heilen oder vergehen.

Wenn ich von einer Weitergabe von Annahmen ausgehe, gibt es in der Botanik die Form der Veredlung. Der Teil einer Pflanze wird auf den Teil einer anderen Pflanze aufgesetzt und von ihr genährt. Es ist ein wenig wie eine Adoption, denn die Veredlung hat die Vermehrung und eben die Übertragung bestimmter Epigenetik zum Ziel. Hierfür schafft sie vermeintlich beste Gegebenheiten. Diese sind aber nicht naturgegeben. Der natürliche Weg der Vermehrung über Bestäubung passiert einfach. Alle Prozesse hierfür sind schon angelegt und funktionieren, Fortpflanzung ohne weiteres Zutun. Die Veredlung ist immer mit einer Absicht verknüpft. Sie will die gute Epigenetik für die Entwicklung besserer Merkmale nutzen. Veredlung möchte verändern, sie korrigiert und verwandelt. Es entsteht eine Pflanze, die neue Anpassungsmöglichkeiten besitzt. Die Natur lässt es geschehen, der Mensch hat immer Absichten.

Warum schreibe ich nicht von Genetik, sondern von Epigenetik? Weil ich an Veränderungen glaube. Die Wirklichkeit erschafft sich immer neu, sie ist aber nie völlig frei. Ich kann es geschehen lassen und die Prozesse sind da. Ich kann es beeinflussen, aber meine Möglichkeiten sind begrenzt. Das haben wir mit der Natur gemeinsam. Mir steht als erstes die Wirklichkeit meiner Vorfahren zur Verfügung. Sie ist geschehen. Die Vergangenheit, die in mir lebt. Ob ich mich als natürlichen Prozess oder als aufgepfropft erlebe, entscheidet mein Umgang damit. Wie ich mit der Welt umgehe, lerne ich zweifellos als erstes von meiner Familie.
Jens Gerheim 2025

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